Das Wort „steirisch“ in Verbindung mit der Entstehung der Steirischen Harmonika


Die Steirische Harmonika ist das ursprünglichste Instrument aller Akkordeontypen. Die frühe Entstehung geht aus dem „accordion“ des Erfinders Cyrill Demian hervor, der in Wien als Orgel- und Klaviermacher arbeitete und am 23. Mai 1829 dafür das Patent bekam.

Unter Einfluss und Wünschen von Volksmusikanten entwickelte sich die Harmonika stetig weiter, bis 1850 das Modell feststand. Um 1870 war die Entwicklung vom Tonumfang bzw. Tonanordnung soweit fortgeschritten, dass es nur mehr wenige Veränderungen gab.

Obwohl das Instrument in Wien seinen Siegeszug antrat, erlebte es in der Steiermark eine besondere Beliebtheit und verbreitete sich schnell auf andere Bundesländer.

Woher die Bezeichnung „Steirische“ stammt, ist unklar, ebenso wann sie allgemein in Gebrauch kam. Dass die ländliche Musik in Wien „steirisch“ genannt wurde, ist nur bedingt richtig, denn die Folklore-Mode in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kannte sowohl „Steirerlieder“ als auch „Kärntner- und Tirolerlieder“ und alle diese Stile fanden aufgrund ihrer Beliebtheit auch Eingang in die Klavier- und Kammermusik der Zeit.

Historisch genaue Angaben über die technische Entwicklung der Steirischen, ihre geographische Verbreitung und ihren Einzug in die ländliche Volksmusik sind leider noch mit Vorbehalten verbunden, weil die Volksmusikforschung ihr Interesse die längste Zeit auf das Volkslied fokussierte und die instrumentale Tanz- und Brauchtumsmusik links liegen ließ – und so gilt die „Steirische“ heute wohl als das Volksmusikinstrument schlechthin. Endgültig durchgesetzt hat sie sich aber wohl erst nach 1950.

Der Unterschied der Steirischen zu anderen diatonischen Harmonikainstrumenten (Bandoneon, Deutsche Concertina, französisches Accordéon diatonique usw.) besteht nicht nur im Einbau von Helikonbässen, sondern auch in der Tastenbelegung auf der Diskantseite.

Vor allem bei der Concertina war es so, dass um ein erstes Kerntastenfeld nach und nach Tasten und Töne hinzugeführt wurden, je nach musikalischen Wünschen und spieltechnischen Überlegungen, sodass im Laufe der Jahre eine kaum zu überblickende Vielfalt an Tastaturen und Tonlagen entstand.

Der Bau von Helikonbässen ist offenbar gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Böhmen und Sachsen ausgegangen und wurde rasch von österreichischen Harmonikabauern – ausgenommen Wien – aufgegriffen. Die Wiener „Schrammelharmonika“ zeichnet sich typischerweise durch einen 12-knöpfigen Behelfsbass, die so genannte „Wiener Begleitung“, aus. Gelegentlich fehlt die Bassseite überhaupt.

Einen Sonderfall des Harmonikabaues, der keine Nachahmer gefunden hat, stellen die Doppelharmonikas von Peter Stachl sen. dar.  Es gab 3-, 4- und 5-reihige Doppelharmonikas, z. B. 3-reihig: „G C F – B Es As“ und eine 3-reihige Harphon-Patent-Harmonika, die zweimal umschaltbar war „E A D – G C F – B Es As“. Trotz intensiver Werbung war die Nachfrage nicht besonders groß, denn sein Sohn und Nachfolger hat den Bau nach 1945 nicht mehr fortgesetzt.

Tabulaturschriften zum Erlernen des Instrumentes waren von Anfang an gebräuchlich:

>    In Wien stellte Adolph Müller 1833 eine Accordeonschule vor: „Wie man das Accordeon in kurzer Zeit spielen lernt“.

>    In Paris fand man eine französische Harmonikaschule (1834) von M. Reisner: „Instruktion, um das Accordeon mit 8 Tasten spielen zu lernen“.

>    1892 gab der böhmische Harmonikabauer Josef Hlavacek eine Harmonikaschule zum Selbstunterricht heraus und legte sie auch seinen Instrumenten bei.

>    1909 findet sich im „Grazer Schreib-Kalender“ ein Inserat von Hans Konrad: „Musikwaren-Versandhaus in Brüx (Böhmen) – Selbstlernschule zu jeder Harmonika gratis“.

>    Max Rosenzopf hat sich der Griffschrift im Jahre 1975 bedient und seine durch Feldforschung erhaltenen Stück in dieser Form notiert. Erst 1983 versuchte Josef Peyer durch sein Schulwerk, die Stücke im Violinschlüssel zu notieren, um mit der Steirischen Harmonika nach Noten spielen zu können. Durchsetzen konnte sich das Noten-Schulwerk bis heute leider nicht.

>    Johann Murg schrieb im Rahmen seiner Diplomarbeit 1985 ebenfalls ein Schulwerk in Notenschrift, das sich des Intervallsystems bedient und so unabhängig von der Stimmung der Harmonika und der Tonart für bestimmte Reihen ist.

Obwohl diese Schulwerke nicht weiter verbreitet sind, kann man annehmen, dass sie in einer Griffschrift stehen, um dem Anfänger die vermeintlichen Mühen des Notenlernens zu ersparen. Auch die Deutsche Concertina und das Bandoneon wurden nach einer Griffschrift gespielt. Das mag anfangs dem Laien durchaus eine Erleichterung für das Musizieren auf den nicht gerade übersichtlichen Tastaturen geboten haben. In Verbindung mit der erwähnten Vergrößerung und Individualisierung des Tastenfeldes entwickelte sich daraus jedoch eine Notierung, die wesentlich komplizierter war als die traditionelle Notenschrift.

Gottfried Hubmann, BA

H.V.Ö. Fachvorstand – Steirische Harmonika