„A Harmonika mit Knöpferl“

© Patrick Rutka

Quellen: Soyka, Walther (1993-2005): non food factory, URL: http://www.nonfoodfactory.at, Stand: 5. April 2006.

  1. Über 150 Jahre Schrammelharmonika:

Der Musiker Franz Walther hatte um 1850 die Idee, ein Instrument bauen zu lassen, das 3 Reihen Knöpfe besaß und jedoch im `Gleichtonprinzip´ gebaut war. Auf Ziehen und Drücken gab es je Knopf denselben Ton. Das erste Instrument hatte 46 Knöpfe, später wurden solche mit 52 Knöpfen gebaut. Der Tonumfang reichte von B bis g". Die Baßmechanik im heutigen Sinne fehlte noch, die Entwicklung war noch nicht so weit gediehen. So mußte man sich noch mit 8, später mit 12 diatonischen (wechseltönigen) Bässen und Akkorden begnügen. Es ist interessant, daß die ersten getrennten Bässe und Akkorde noch nicht vollkommen waren. Die Akkorde waren als `Zweiklänge´ (Doppelgriffe) ausgebildet. Durch kluge Kombinationen ließen sich viele Akkorde bilden." Das schreibt Walter Maurer in seinem Buch Accordion (Wien, 1983, vergriffen), die Quelle dieser Information scheinen Mitarbeiter der Firma Bauer in Wien Mariahilf (vor kurzem geschlossen) zu sein.

Sicher ist, dass Matthäus Bauer zur Industrieausstellung nach München 1854 sowohl eine neuartige "Clavierharmonika" (wo man die Melodie mit der rechten Hand spielte) als auch ein Instrument "mit halben Tönen, versehen mit dreireihiger Maschine" einsandte. Diesen Bericht zitiert auch Maurer (bei ihm ist die Ausstellung in Wien), und der Musikstudent Andreas Teufel hat ihn für seine Diplomarbeit gerade eingescannt.

Maurer: " Bereits Jahre vorher experimentierte Matth. Bauer mit der chromatischen Harmonika von Walther. Verschiedene Tastenformen wurden erprobt. Die erste `Clavierharmonika´ baute Bauer bereits 1851, doch hatte das Instrument noch keine Klaviertasten im üblichen Sinne. Das Instrument war aber `chromatisch´ und gleichtönig, d.h., auf Ziehen und Drücken je Taste immer der gleiche Ton. Die Bässe blieben wechseltönig."

a.    Anfänge:

Die Arbeit des jungen Matthäus Bauer fällt in eine Epoche regen Erfindergeistes im Orgel- und Harmoniumbau. Das Akkordeon in seinen vielen neuen Formen hat klanglich und technisch aufzuholen, und es muss vor allem billig sein. Die ganz neue chromatische Harmonika kostete 27 Gulden, Bauers Wiener Concertina dagegen nur 4. Sicher war der Versuch, ein ensemblefähiges Kammermusikinstrument zu bauen, nicht besonders lukrativ: Es wurden in Heimarbeit geschnittene Messingstimmplatten, Schafleder, Lederpappe, Birke, Buche, Ahorn, Perlmutt, Horn und Ebenholz verarbeitet, und hundertjährige Instrumente von Regelstein oder Budowitz sind bis heute spielbar und von exzellenter Qualität.

Der Grazer Musiker Lothar Lässer besitzt eine Schrammelharmonika, die 1874 von Walther gebaut wurde. Das ist also die, soweit mir bekannt, "älteste".

Karl Budowitz hat von 1882-1925 Instrumente gebaut. In Wien nennt man das Instrument bis heute „Budowitzer“. Bei Nachfragen bekommt ein Nichtkenner des Metiers die brummende Antwort: „Na, die Knöpferl“. Ich schließe mich hier der Meinung Walther Soykas an, dass Karl Budowitz der wahre Erfinder oder der wesentliche Entwickler der Schrammelharmonika ist. Über ihn ist so gut wie nichts bekannt. Sein Name deutet auf tschechische Vorfahren hin.

b.    Die Hochblüte:

Nach dem frühen Tod der Brüder Schrammel 1891 und 1892 (zur Weltausstellung in Chicago fuhren Substituten) war der Bedarf an Schrammelmusik bereits enorm. Durch sie hatte Wien eine "eigene" Musik bekommen, die sich, einem Schmelztiegel entsprechend, aus volkstümlichen Stilen der gesamten Monarchie zusammensetzte.

Da war der "Runde", als Ländler aus dem oberen Donauraum bekannt;
da waren die "Tanz" (im Singular mit dunklem a), höfische Menuette, ungarisch-virtuos      zelebriert; es gab unzählige Militärmärsche, von den Schrammeln zu weinselig torkelnder Gassenhauerei missbraucht; und an Liedern aller Art gab es in Wien ohnehin nie Mangel.

Schrammel- und Lanner-Quartette gab es also zuhauf, die Harmonikamacherei boomte bis nach dem ersten Weltkrieg. Die meisten Instrumente, die ich gesehen habe, stammen aus den 1920er und -30er Jahren.
Zwei Generationen Reisinger, Edmund Hochholzer, Josef Trimmel, Pospisil, Bauer, Pick, Adolf Regelstein, Franz Kuritka, Josef Barton sind neben
Budowitz zu nennen, dazu eine unbekannte Zahl von Handwerkern, die, vermutlich aus gewerberechtlichen Gründen, ihre Namen geheim hielten.

c.    Das Ende!?:

Die letzten hervorragenden Schrammelharmonikas wurden von Franz Kuritka mitte der 1950er Jahre gebaut. Spätere Versuche von Karl Macourek und Josef Barton konnten jedoch nicht mehr an die Qualität der früheren Harmonikas anschließen. Jedoch als Restaurator und Stimmer von unzähligen Instrumenten hat Barton sich einen ganz besonderen Sonderplatz im Schrammelhimmel verdient. Ich durfte ihn zu meinem guten Bekanntenkreis zählen. Er ist 2002 verstorben und konnte allerdings sein Wissen über den Schrammelharmonikabau nicht mehr weitergeben.

d.    Gegenwart:

2005 gibt es auf Dachböden, in Kellern, bei Großmüttern oder auf Flohmärkten vielleicht noch hundert funktionstüchtige Schrammelharmonikas sowie etwa 25 MusikerInnen, die sie bedienen können.
Was es in Wien nicht gibt, ist ein Harmonikamacher, der in der Lage wäre, die Instrumente kunstgerecht zu restaurieren.

In seiner nicht viel mehr als hundertjährigen Geschichte hat dieses Instrument sicher mehrere tausend Musiker und einige hundert Handwerker ernährt. Es hat eine reiche Vergangenheit, und es könnte eine reizvolle Zukunft haben.

„A Harmonika mit Knöpferln“ (Wienerlied - Text und Musik: Hans Lang, 1930-1950) wurde also durch die Schrammeln für Wienerlieder populär und verdrängte die hoch klingende G-Klarinette, obwohl die Harmonika der kehligen G-Klarinette im Klang nachempfunden ist. Heute hört man das Akkordeon bzw. die Harmonika in verschiedenen Formen, von diatonisch bis chromatisch, mit Klaviatur oder Knöpfen. Für das Wienerlied ist die chromatisch gestimmte Harmonika wichtig. Die Knopfharmonika oder auch Schrammelharmonika sieht man heutzutage nicht mehr häufig unter den Wienerliedbegleitinstrumenten, es hat sich das Tastenakkordeon weitgehend durchgesetzt. Wesentlich ist aber, dass das Akkordeon an sich das gängigste Instrument in der Wienerliedszene ist und bei keinem Ensemble (einige Ausnahmen gibt es) fehlen darf.

Die Schrammelharmonika wird, wie auch die Kontragitarre, heute nur mehr privat unterrichtet. Es gäbe noch eine Musiklehrerin, aber der Nachwuchs fehlt. „Das Instrument stirbt höchstwahrscheinlich aus. Der Grund ist, dass sie als zu wenig wichtig erachtet wird. Nur die echte Schrammelharmonika  hat aber den weichen, sich ins Ensemble unaufdringlich einfügenden Klang.“ (Neuwirth, Roland J. L. (2004): Der gegenwärtige Stand der Wienermusik. In: Schedtler, Susanne (Hg.): Wienerlied und Weana Tanz. Beiträge zur Wiener Musik, Band 1, Wien 2004, S. 121f.)

Nach Meinung von Roland J. L. Neuwirth ist die Verdrängung der Knöpferl das größte Problem, da sie die klangbestimmende Eleganz des Wiener Tonfalls ausmacht. Daher wäre es für die Verbreitung und Weiterführung des Wienerliedes von Bedeutung, wenn Knöpferlharmonika und Kontragitarre in den Wiener Musikschulen und Hochschulen Einzug finden.

Der jüngste praktizierende Knopfharmonikaspieler bin zur Zeit ich selber (Patrick Rutka, geb. 1977), der dieses Instrument erst als Teenager erlernte, nachdem ich auf der steirisch-diatonischen Harmonika mit fünf Jahren zu spielen begonnen hatte. Unter den praktizierenden Musikern in der Wienerliedszene finden sich nicht mehr viele, die dieses einzigartige Instrument mit Knöpfen spielen können. Bekanntester Wienerliedmusiker ist Walther Soyka, der eine Koryphäe auf dem Gebiet der Instrumentalmusik ist. Er verfasste auch eine eigene Abhandlung über die Schrammelharmonika auf seiner Homepage (http://schrammelharmonika.nonfoodfactory.org/geschichte.html). Weiters sind zu nennen Günther Haumer von den Neuen Wiener Concertschrammeln, Friedrich Aschauer (Duo Hernalser Buam), Rudi Malat, Erich Zib, Adolf Sila vulgo Boffi (gest. Jän. 2006) – langjähriger Begleiter von Kurt Girk –, Ingrid Eder (Attensam Quartett, Metropolschrammeln, Musiklehrerin der 15er Schrammeln), Gerti Winkelbauer, Josef Steffl (spielt mit Peter Tunkowitsch, Geigenbaumeister und Spezialist für Kontragitarren), Franz Schweidler, Franz Schlosser, Walter Czipke spielt mit den „Inzersdorfer, unkonserviert!“, Christian Tesak und der jüngste in dem Reigen, wie bereits erwähnt, Patrick Rutka. 

 

  1. Technik

a.    Diskant:

chromatisch, 2chörig, 104 Zungen (G-b'''), Schwebung 6Hz-0.25Hz.

Die Stimmplatten sind aus weichem Messing, die Zungen aus gehärtetem Federstahl (Schwedenstahl). Anders als zum Beispiel bei der steirischen Harmonika oder wie es auch im Akkordeonbau üblich ist, werden die Stimmplatten nicht aufgewachst, sondern auf weiches Leder gelegt. Dadurch ist der eigentliche Klangerzeuger vom Kanzellenkörper getrennt und kann fast ungedämpft frei schwingen. Dies macht unter anderem den typischen Klang der Schrammelharmonika aus.

b.    Ursprüngliches Bass-System:

"diatonisch", einchörig, 60 Zungen.

Wie daraus zu erkennen ist, ist Wechselbass oft nur durch Balgwechsel zu erreichen. Es drängt sich die Vermutung auf, dass dieses System nicht als Begleitung gedacht war, sondern eine Erweiterung des Tonumfangs bei geringst möglichem Platzbedarf.

Nun das ist weiter nicht schlimm, wenn man im Ensemble spielt (Schrammelquartett oder im Duo mit einer Kontragitarre). Später wurde dann, ab ca. 1940er Jahre, die Bassseite der Schrammelharmonika immer öfter durch normale Akkordeonbässe erweitert. Was einen Alleinunterhalter das Leben natürlich enorm erleichtert.

    1. Balg:

Ursprünglich sehr kurz (9-10 Falten), bestehend aus Lederpappe, mit metallfreien Ecken (lackiertes Leder). Innen findet man sehr oft zur Diskantseite weisend dünne Holzfunierstreifen aufgeklebt, die meiner und Walther Soykas Meinung nach der Klangdämpfung dienen.

    1. Diskantmechanik:

Das ältere System (Budowitz, Trimmel, Kuritka und einige anonyme): die Feder steckt in einem Schlitz am Hebel und schleift an einer durchgehenden Ausnehmung an der Unterseite des Daumenbretts. Die Feder kann sich seitlich bewegen, sie kratzt dann evtl. an der seitlichen Hebelführung, was zu Nebengeräuschen führt. Mit einem Handgriff ist aber eine kleine Holzplatte an der Unterseite des Griffbretts entfernt, dann kann man die Feder wieder geraderücken.

Nach 1900: Reisinger, Hochholzer und anonyme schrauben die Feder am Daumenbrett an, sie schleift am Hebel. Das System ist stabiler, aber träger, weil die Feder kürzer und daher dicker und strenger ist.